Landwirte und deren Angestellte sind regelmäßig mit Traktoren und Anhängern oder Anbaugeräten unterwegs. Solche oft langen und teils überbreiten Gespanne zeichnen sich naturgemäß durch ein höheres Betriebsrisiko aus als etwa ein PW.

Weil solche Gespanne oft schwer sind, sind sie auch wesentlich langsamer auf den Straßen unterwegs als die anderen Verkehrsteilnehmer. Vor allem in den Frühjahrs- und Sommermonaten reihen sich Autos und Motorräder hinter Traktoren wie auf einer Perlenkette auf, die sich langsam über schmale Landstraßen schlängelt. Hier droht Gefahr.
Da es viele ungeduldige Menschen gibt, versuchen immer wieder einzelne Fahrer die Kolonne aus hinteren Positionen heraus zu überholen. Dafür benötigen sie viel Tempo – und genau diese hohen Geschwindigkeiten führen zu schweren Unfällen, wenn der Traktor zuvorderst in der Kolonne gerade in diesem Moment nach links, etwa auf einen Feldweg, einbiegen will. Hier kommen oft viele unglückliche Umstände zusammen. Der Überholende übersieht auf Grund der hohen Geschwindigkeit den Blinker der landwirtschaftlichen Fahrzeuge, der Traktorfahrer übersieht das schnell von hinten nahende Fahrzeug. So kommt es immer wieder zu schweren Unfällen mit manchmal tödlichem Ausgang. Beim Aufprall auf einen Traktor haben PW-Insassen und insbesondere Motorradfahrer kaum Chancen.
Schwere Unfälle haben immer auch ein juristisches Nachspiel.
Die Frage »Wer ist hier der Schuldige?« lässt sich nur nach genauer Abwägung aller Umstände und nicht generell beantworten. Kommt es ausserorts zwischen einem nach links in einen für den nachfolgenden Verkehr schwer erkennbaren Feldweg abbiegenden Traktor und einem gleichzeitig überholenden PW zu einer Kollision, könnte dies durchaus eine Haftungsverteilung von 60 zu 40 Prozent zu Lasten des Traktorfahrers bedeuten, wenn dem Überholenden nicht bewiesen werden kann, dass der Traktorfahrer vor dem Abbiegen den linken Blinker gestellt hat.
Bei solchen Entscheidungen wird die erhöhte Betriebsgefahr von landwirtschaftlichen Traktoren – die unter Umständen mit Anbaugeräten bestückt sind – berücksichtigt. Deshalb fallen Urteile oft zu Ungunsten des Traktorfahrers aus. Allerdings gibt es auch Fälle, in denen die Schuld allein den Überholenden trifft. Wenn beispielsweise ein Motorradfahrer aus einer hinteren Position heraus trotz Überholverbot zum Überholen ansetzt und dabei noch links an einer Verkehrsinsel vorbeifährt, wird das durchaus als besonders verkehrswidrig beurteilt. Wenn der Traktorfahrer seine Sorgfaltspflicht erfüllt, indem er rechtzeitig den Blinker stellt, einspurt und sich via Rückspiegel und seitlichen Kontrollblick davon überzeugt, dass die linke Fahrbahn frei ist, kann er kaum belangt werden.
Man kann alle Verkehrsteilnehmer nur immer wieder auffordern, solche riskanten Überholmanöver zu unterlassen und die Traktorfahrer ständig motivieren, lieber zweimal über die linke Schulter zu blicken, bevor man links abbiegt.